HINKEL. Kriminalstück

Hörspiel
DLR Berlin 2014

Länge: 54’06“

Übernahme SWR 2015
Zonser Hörspieltage 2014 Dritter Platz

1. Straße

ILI
(in monotonem Singsang, fern)
Dein Vater hat ein Ringelein
mit einem grünen Edelstein
der hat gar einen schönen Schein
lass mich nur einmal sehn hinein
so werd ich gleich durch Mark und Bein
froh wie ein Lämmerschwänzchen sein

Und dann lass ich mein Püppchen fein
zu dir ins Gärtchen gleich hinein
es bleibt mit allen Kleidern sein
dein allein…

HEDWIG
Es hat einen Zapfen. Handschuh möchte man anziehen. 7. Oktober. Wenn so der Herbst anfängt, wie wird der Winter? So ein Ofen, auf dem man auch kochen kann, wie sie uns jetzt anpreisen, wer soll das zahlen? Und mit was heiz ich ihn, und was koch ich drauf. Das steht nicht in der Zeitung.

Schau dir die Kleine an, Fredl. Sitzt in den Trümmern wie in ihrer Puppenstube. (entfernt sich) Null Grad, meiner Seel, mehr hat es heute nicht…

Ilis Gesang ins Misstönende verzerrt. Kuckuck ruft im Radio. Sirene warnt. Reißt ab, ebenso Ilis Stimme. Nur ihr Atem ist noch zu hören.

HEDWIG
(näher kommend) Da ist sie ja immer noch. (ruft) Du, da drüben, gehst du nicht nach Hause? Wird dir nicht kalt auf dem Stein. Und deiner – (stockt) – Wart, einmal Fredl!… Das ist ja gar keine – Jesus! Da muss man ja… gleich… Komm, Fredl, schnell! (geht rasch weg)

Stille. Wind. Ilis Atem. Fast unhörbar beginnt sie wieder zu summen.

ILI
(haucht) … Lass mich nur einmal sehn hinein, so werd ich gleich mit… (verklingt)

 

Der große Krieg ist zu Ende, Ruinen, Hunger und Elend in der Stadt. Auf der Straße ein Mädchen, ein totes Baby im Arm. Polizist Karas nimmt sie zur Vernehmung mit.

 

2. Straße

KARAS
Stehen Sie auf. Hören Sie, ich rede mit Ihnen!

HEDWIG
Ein Kind, ein Säugling! Und ich habs für eine Puppe gehalten. Dabei ist es tot. Hält ein totes Kind an der Brust. Ich hab geglaubt, das Herz bleibt mir stehen. Fredl, ich kann mich gar ncht erholen von dem Schreck.

KARAS
Aufstehen! Wird’s bald.

ILI
Entschuldigung. Ich hab Sie nicht gehört. (steht auf) Ich bin…

KARAS
Ist das Ihr Kind?

ILI
Ich hab…

KARAS
Was ist mit diesem Kind passiert.

ILI
(mühsam) Sie ist…gestorben.

KARAS
Ihr Name. Ausweis.

ILI
Ich habe keinen.

KARAS
Keinen Namen?

HEDWIG
Das ist ein Skandal. Unsere Jugend. Die Besten sind im Krieg geblieben. Das Gesindel hat überlebt. Fredl, wir gehen, das ist nicht mehr zum Anschauen. – (zum Polizisten) Herr Inspektor, was machen Sie mit ihr? Das arme hilflose Ding, ganz blau. Am Hals hat sies gepackt gehalten, wie einen Hasen. Gestorben, ja, aber nicht von selbst.

Sie nennt sich Ili, besitzt keine Papiere und erzählt von einem Keller, in dem sie Unterschlupf fand. Dort hauste Anna, die für Tschick anschaffen ging. Ili sollte das Kind ausfahren, wenn Anna von einem Mann besucht wurde. Karas versucht herauszufinden, was mit dem Baby passiert ist und ob Ili wirklich die ist, für die sie sich ausgibt.

19. Amtsstube

KARAS
Jetzt ist Schluss mit der Märchenstunde. Sie heißen Anna Förster und sind 16 Jahre alt. Das Melderegister ist verbrannt, aber wir bekommen die Adresse schon heraus, das ist nur eine Frage der Zeit.

ILI
Das Haus steht nicht mehr.

KARAS
Die Schultasche, gestohlen wahrscheinlich.

ILI
Ist nur ein Märchenbuch drin. Ich hab dem Hinkel vorgelesen. Und mir selber, es ist ein schönes Buch. Wir haben keine Bücher gehabt, dort. Ich habe kein Buch mehr in der Hand gehabt, seit ich von zu Hause fort bin.

KARAS
Sie können sich also wieder erinnern?

ILI
Bei den Fliegerangriffen im Keller hab ich immer so eine Angst gehabt. Am schlimmsten wars, wenn das Licht ausgegangen ist. Dann hab ich es nicht mehr ausgehalten, ich bin die Stiege hinauf und hab zugeschaut. Dort oben auf dem Berg hat man sie kommen gesehen von Westen oder von Süden. Ein Heulen und Pfeifen, ich hör es immer noch, wenn es still ist in der Nacht. Dann die Explosion. Schrecklich und irgendwie auch schön.

KARAS
Das war im Heim, Sie sprechen vom Heim.

ILI
Meine Mutter habens geholt, sie hat die Flugblätter verteilt, im Untergrund, wie der Vater, aber er war schon lang fort, ich weiß nicht wohin und die Mama hat meine Papiere verbrannt, bevor die Polizisten gekommen sind und hat zu mir gesagt, dass ich jetzt auf mich allein gestellt sein werde, dass ich untertauchen muss. Aber das war zu spät, sie haben sie mitgenommen und mich auch.

KARAS
Papiere verbrannt? Erfindest du schon wieder etwas Neues?

ILI
Sie können mich nicht zwingen. Lieber sterben als dorthin.

 

Regie: Andrea Getto
Komposition: Sabine Wortmann
Mit: Eva Mayer, Alexander Ebeert, Sabine Trooger, Pippa Galli, Philipp Hochmair
Ton: Thomas Monnerjahn
Produktion: DKultur 2014
 Länge: ca. 56‘00

Statement Regie Andrea Getto

„Ich mag das Archaische an dem Text, das Böse, dass in allen wohnt. So wie die Figuren handeln, versteht man, dass es zu Gewalt und Kriegen kommt. Die Figuren sind Opfer und Täter zugleich. Unerlöste Geschöpfe. Das Stück geht von einer konkreten Kriegssituation aus, lässt sich aber auf alle kriegerischen Krisensituationen übertragen. Die Sprache überzeugt in ihrer fast lyrischen Konzentration.“

Statement Redakteur Torsten Enders DLR Berlin

„Recht und Ordnung, was bedeutet es noch, fragt Polizist Karas. Wer kann es noch unterscheiden? Der große Krieg hat auch die Regeln zerstört. Die des Zusammenlebens, des Miteinander. Auch die Hoffnung liegt in den Trümmern. Wer ist Täter? Wer Opfer in dieser zerfallenen Welt?
Ein Drama, das von Menschen erzählt, die unschuldig schuldig werden. Identitätswechsel als ein Versuch, Erlebtes zu begreifen, um seelische Wunden zu heilen.
Kein Täterratekrimi, ein Kriminalstück der besonderen Art.
Eine literarische Handschrift der Autorin, ein poetischer Blick auf Figuren, die unter der Last ihrer Geschichte einen Neuanfang suchen.“