Die sanfte Rache

Novelle
Reche Verlag Passau 2000

„Im Theatermilieu angesiedelte Studie einer scheinbar emanzipierten Frau, deren Leben aus den Fugen gerät, als sie einem ungewöhnlichen jungen Mann begegnet.“ (Katalogtext)

Alfred Hrdlicka illustrierte Susanne Ayoubs erste Buchveröffentlichung mit 9 Zeichnungen. Die Vorzugsausgabe des Bandes enthält außerdem 2 Radierungen.

Rita Moorefield sonnte sich im Applaus der Premierengäste. Sie erschien in einem tiefdekolletierten, langen Kleid, mit blitzenden Pailletten besetzt, das ihre Fülle noch betonte. Strahlend winkte sie in den Raum und warf sogar Kusshändchen.

„Eine unerträglich dumme Pute.“ flüsterte Evelyn in Nikos Ohr.

„Ein gewaltiger Busen!“ meinte Niko. „Direkt zum Fürchten.“

„Was du nicht sagst! Wünscht du dir nicht vielleicht, von solchen Brüsten erdrückt zu werden?“

„Nein, nein, deine Kokosbusserln sind mir vollauf genug.“

„Sei still, du!“

Erstes Mal im Bibliothekskatalog
Text im Bibliothekskatalog

Es war ein harmloses Geplänkel, und doch hinterließ es einen Moment des Unbehagens. Wir spielen einander etwas vor, das schon lange nicht mehr ist, dachte Evelyn. Der Jungregisseur stand am Ende der Tafel neben der Sängerin, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Sie tätschelte seine Wangen, kicherte und schäkerte mit ihm. Verkrampft lächelnd nahm er ein Glas Sekt aus ihrer Hand und stieß mit ihr auf den gemeinsamen Erfolg an. Dass er sich in der Operettenseligkeit, die Rita Moorefield hier inszenierte, nicht wohlfühlte, war Evelyn klar. Sie machte ihren Hals lang, um über Nikos Schulter zu ihm hinüberzusehen und hoffte, dass er ihren Blick bemerken würde.

Niko griff nach Evelyns Hand. Wie ertappt wandte sie sich ihm zu. Er war plötzlich ganzblass geworden. „Ist dir nicht gut?“

Niko schüttelte den Kopf. „Nur müde. Willst du noch bleiben?“

Während sie noch zögerte, befreite sich Herwig Paulsen aus der Umarmung der Sängerin und kam auf Evelyn zu. Seine dunklen Augen streichelten sie wie Samt.

„Ein Glas Wein noch, ja?“ antwortete sie Niko, ohne den Blick zu wenden. „Ich möchte mich mit diesem Regisseur unterhalten. Vielleicht spreche ich ihn an wegen meines Theatestückes.“

 

Radierung von Alfred Hrdlicka die sanfte Rache Radierung schwarz 9 Zeichnungen zu Die sanfte Rache